1428 - Neckargemünd

 

Wigbert griff nach dem ledernen Würfelbecher, schüttelte und stülpte ihn auf den rohen Holztisch, lüftete ihn. Nur eine Zwei und eine Drei. Das reichte bei Weitem nicht, um die beiden Fünfen, die gerade gewürfelt worden waren, zu übertrumpfen. Verloren. Schon wieder.

"Tja, Wigbert", sieht schlecht für dich aus, ich fürchte, du musst mich bezahlen", feixte Cuntz. Der Winzer schien das Glück gepachtet zu haben, hatte kaum eine Würfelrunde verloren, und das Häufchen gewonnener Münzen vor ihm wuchs stetig.

"Wie viel?"

"Drei Gulden."

Großer Gott, das konnte er niemals bezahlen. Für drei Gulden musste er zwei Monate arbeiten. Mit einem Schlag war er nüchtern.

"So viel habe ich nicht", antwortete Wigbert heiser.

Cuntz' Gesicht nahm einen harten Zug an.

"Dann gib mir, was du hast, und den Rest bezahlst du bis Ende Jänner."

"Aber wovon soll ich dann leben? Jetzt ist keine Erntezeit, kaum einer braucht einen Tagelöhner. Ich komme so schon schlecht über die Runden. Das kann ich nicht, meine Kinder ...", rief Wigbert entsetzt.

"Nicht meine Angelegenheit. Du hast Geld zum Würfelspiel, dann kann es so schlimm nicht sein", erwiderte Cuntz Wengerter unversöhnlich.

"Er hat recht, Wigbert", pflichtete einer der Mitspieler dem Winzer bei.

Fieberhaft dachte Wigbert über einen Ausweg nach. Dann kam ihm ein rettender Gedanke.

"Meine Tochter Helena könnte die Schulden bei dir auf dem Weinberg abarbeiten oder im Haus. Bald ist Mariä Lichtmess, da kannst du sicher ein paar Hände mehr gebrauchen. Sie ist fleißig, geschickt und nicht dumm. Ich würde sie dir überlassen, bis die Schulden abgetragen sind."

"Ist sie hübsch?"

Wigbert pries Helenas Vorzüge in den höchsten Tönen.

"Feingliedrig und anmutig wie ein Reh ist sie, und trotzdem kann sie zupacken. Ihr Haar hat eine besondere Farbe, dunkelrot wie das Herbstlaub, und ihre grünen Augen funkeln wie Edelsteine. Und sittsam ist sie, wie es sich für ein anständiges Mädchen gehört. Ein wahrer Engel, gottesfürchtig und gehorsam."

"Schon gut, Wigbert, bevor du mir noch weismachst, sie ist die Jungfrau Maria, schau ich sie mir lieber selbst an. Und nun lass uns gehen." Er stieß Wigbert den Ellbogen in die Rippen.

"Jetzt?"

"Natürlich jetzt."

"Ja, ja, einverstanden, ich versichere dir, ich habe nicht übertrieben, was meine Tochter anbelangt", beeilte sich Wigbert zu sagen.

Mühsam und schwankend erhob sich Wigbert von seinem Hocker und verließ, gefolgt von Cuntz, das Wirtshaus. Draußen waren die Gassen matschig. Der Winter hatte in den letzten Wochen die Natur fest im Griff gehabt, doch seit zwei Tagen war Tauwetter eingetreten, das den gefrorenen Untergrund in Schlamm verwandelt hatte. Der Winzer nahm Wigbert mit auf seinen Wagen, ließ die Leinen auf die dunkelbraunen

Pferderücken klatschen, und die beiden Tiere zogen geduldig an.

Als Wigbert und Cuntz die Kate betraten, war Helena gerade dabei, einen Brei aus Weizen zu kochen. Mit kräftigen Bewegungen rührte sie im Topf und gab noch ein paar verschrumpelte Zwiebeln hinzu, damit die Mahlzeit nicht ganz so fade schmeckte.

"Helena, bring unserem Gast und mir etwas zu trinken", forderte Wigbert seine Tochter mit schwerer Zunge auf.

Helena blickte über die Schulter und betrachtete argwöhnisch den Fremden, der neben ihrem Vater stand. Groß gewachsen, breite Schultern, einen stattlichen Bauch vor sich hertragend, hellbraunes Haupthaar und einen etwas dunkleren Bart. Seine Gesichtszüge wirkten hart, und seine braunen Augen musterten Helena kalt. Sie holte zwei Becher und einen Krug mit Dünnbier. Beides stellte sie auf den Tisch, schenkte ein und wollte sich gerade wieder der Feuerstelle zuwenden, als Cuntz sie grob am Handgelenk packte.

"Nicht so schnell, meine Hübsche."

Helena erstarrte und spürte einen Kloß in ihrem Hals.

"Du hast nicht zu viel versprochen, Wigbert,", wandte sich Cuntz an seinen Gastgeber. "Ein hübsches Mädchen hast du da, und wenn ich mich hier so umsehe, hält sie deine Hütte in Ordnung."

Helena warf ihrem Vater einen fragenden Blick zu, doch dieser wich ihr aus.

"Ich hab's dir doch gesagt. Dann gilt jetzt unsere Abmachung?", krächzte Wigbert heiser.

"Was für eine Abmachung, Vater?", wagte Helena mit klopfendem Herzen zu fragen.

Doch dieser blieb ihr die Antwort schuldig, senkte den Blick beschämt zu Boden. An seiner statt klärte der Winzer sie grinsend auf und gab ihren Arm frei.

"Du kommst mit mir und arbeitest die Spielschulden deines Vaters ab."

Entsetzt riss Helena die Augen auf.

"Wie konntest du nur?", rief sie wütend. "Statt zu arbeiten, versäufst und verspielst du das Wenige, das wir haben! Und das am hellichten Tag. Ich ..."

Eine schallende Ohrfeige Wigberts brachte sie zum Schweigen. Ihre Wange brannte, Tränen stiegen ihr in die Augen, doch Helena drückte sie tapfer zurück. Sie würde sich keine Blöße geben und weinen. Fest presste sie die Kiefer zusammen. Ihre Augen wurden zu schmalen Schlitzen. Ihr Vater verschacherte sie wie ein Stück Vieh. Das würde sie ihm nie vergeben.

"Koch den Brei fertig, dann gehst du mit Cuntz."

Seine traurigen Augen ließen sie wissen, es tat ihm leid, sie geschlagen zu haben.

Nur gut, dass Mutter das nicht erleben muss. Bestimmt dreht sie sich im Grabe um, dachte Helena zornig.

"Du kannst deinen Brei alleine kochen, ich gehe gleich", schleuderte sie ihm entgegen. "Oder frag Siegfried, vielleicht übernimmt der nun die Hausarbeit."

Cuntz Wengerter gefiel das Mädchen immer besser. Von wegen gehorsam. Eine kleine Rebellin war sie. Die Zeit mit Helena auf seinem Wingert versprach spannend zu werden. Er würde ihr ihre Widersetzlichkeit schon austreiben, freute sich der Winzer diebisch.

"Stimmt genau, Wigbert, jetzt musst du wohl selbst den Brei rühren. Es riecht schon ein wenig angebrannt", feixte er. "Na komm schon, Mädchen, vor uns liegt ein ordentliches Stück Weg."

"Mein Name ist Helena", sagte sie mit fester Stimme.

Sie nahm den alten Mantel ihrer Mutter, der schon deutlich bessere Tage gesehen hatte, und verließ hocherhobenen Hauptes die Kate, ohne ihren Vater noch eines Blickes zu würdigen. Cuntz folgte ihr auf dem Fuß, nicht ohne Wigbert zuzuwinkern.

"Steig hinten auf", forderte der Winzer, hievte sich auf den Kutschbock und nahm die Zügel in die Hand. Der Wagen setzte sich in Bewegung.

Als Winzer verdiente er gutes Geld und konnte sich Pferde und Wagen leisten. Helena war froh, dass sie nicht zu Fuß gehen musste. Ihr schäbigen alten Schuhe hielten mit viel Glück gerade noch diesen Winter über durch. Vielleicht war es ja ein Wink des Schicksals, dass ihr Vater beim Würfeln verloren hatte.

Wenn ich mich anstrenge und fleißig bin und mich unentbehrlich mache, dachte sie, behält Cuntz mich vielleicht als Magd. Das wäre besser als wieder zurück zu Vater zu gehen. Bestimmt sind die Schlafstätten für die Arbeiter auf dem Wingert trockener und wärmer als in unserer armseligen, zugigen Hütte.

"Helena! Helena!"

Sie wandte den Kopf. Ihr kleiner Bruder Siegfried lief hinter dem Wagen her.

"Wo fährst du hin? Was hat das zu bedeuten?", schrie er aufgeregt.

"Frag Vater! Und pass auf dich auf, Siegfried."

Cuntz ließ die Pferde antraben, und der Wagen entfernte sich schnell. Siegfrieds Gestalt, die mit hängenden Armen auf der Straße stand, wurde immer kleiner.

 

1441 - Schloss Stuttgart

 

Wenige Tage später kam es wieder zu einem heftigen Streit. Doch dieses Mal war es Margarete vollkommen gleichgültig, dass jeder ihre Bösartigkeiten hören konnte, der sich in der Dürnitz aufhielt.
»Das Schloss ist zu klein, wie oft soll ich das noch sagen. Ich, als Tochter eines Herzogs, brauche eine eigene Halle, um Empfänge geben zu können. Zu viele Menschen leben hier
auf zu engem Raum, nie hat man seine Ruhe. Kein Wunder, dass Mechthild ihr Kind verloren hat. Abgesehen davon ist sie auch viel zu dünn, um ein Ungeborenes zu ernähren. Zudem ist sie jeden Tag wie ein Mann in den Sattel gestiegen. Als ob
es keine Kutschen oder Damensättel gäbe. Vermutlich kann sie froh sein, bestimmt hätte sie wieder einem kranken Wicht das Leben geschenkt.«
Mechthild erstarrte, Ludwig und Ulrich hielten mitten in der Bewegung inne und rissen ungläubig ihren Mund auf. Keiner sagte etwas. Helena stand ganz langsam von ihrem Platz auf, ging zu Margarete, die sie hochnäsig musterte, griff nach deren
Weinpokal und schüttete ihn der Gräfin mitten ins Gesicht. Sie warf den Pokal auf den Tisch, drehte sich um und verließ die Halle. Von den Tischen, wo die Dienstboten saßen,
war leises Gekicher zu hören, einige wagten sogar, verhalten zu klatschen, und gedämpftes Gerede setzte ein.
Von Margaretes Haaren und Gesicht tropfte der Rotwein, ihr hellgrünes Brokatkleid zeigte einen riesigen Fleck. Als Ulrich ihr nicht zur Seite sprang, stand sie mit puterrotem Gesicht auf und verschwand eiligen Schrittes. In Mechthild breitete sich ein
warmes Gefühl aus. Am liebsten hätte die Gräfin ihrer Schwägerin für diese Ungeheuerlichkeiten eine schallende Ohrfeige verpasst, doch sie war unfähig, sich zu rühren. Für ihre Tat zollte sie Helena große Hochachtung, auch wenn es falsch
war, was diese getan hatte.

»Mechthild, das wird Folgen für deine Hofdame haben«,
ereiferte sich Ulrich, der insgeheim seine Geliebte für ihre Tat bewunderte. Nur konnte er das kaum zugeben. »Ludwig, das kannst du nicht dulden!«, wandte er sich an seinen Bruder.
»Helena wird eine angemessene Strafe erhalten«, antwortete Ludwig. Doch plötzlich breitete sich ein jungenhaftes Grinsen auf seinem Gesicht aus. »Vielleicht erhebe ich sie dafür in den Adelsstand. An deiner Stelle würde ich darüber nachdenken, wie du gedenkst, deine Angetraute für ihre Boshaftigkeiten zu bestrafen.«
Mechthild war nahe daran, in ungezügeltes Gelächter auszubrechen, als Ulrichs Kinnlade herunterklappte. Nun war es an Ulrich, die Dürnitz zu verlassen.

Die Gräfin fasste nach Ludwigs Hand und drückte sie sanft.

»Ich danke dir. Nur leider wird es jetzt noch schlimmer mit
Margarete und Ulrich werden.«
»Nein, denn ich werde Ulrichs Wunsch entsprechen und
einer Teilung des Landes zustimmen. So kann es nicht weitergehen.
Ich werde mit ihm nach Nürtingen reiten und alles in die Wege leiten, damit ein gerechter Vertrag aufgesetzt wird."