Leseprobe aus "Der Pfeiler der Gerechtigkeit"

 

 

1550

 

„Arkan, hierher!“, rief Julius Echter dem davonjagenden Hund nach.

Doch es nützte nichts. Die schwarzbraune Dachsbracke hetzte weiter und kümmerte sich nicht um die Befehle des Fünfjährigen. Arkan hatte vermutlich einen Hasen aufgespürt, jetzt gab es für ihn kein Halten mehr. Der Hund war erst sechs Monate alt und seine Ausbildung noch nicht weit fortgeschritten; eigentlich hätte Julius ihn gar nicht mit in den Wald nehmen dürfen. Aber der blonde dünne Fünfjährige hatte nicht widerstehen können. Schließlich war es sein Hund, denn er hatte den Welpen aus dem Wurf ausgesucht, oder umgekehrt. Der damals acht Wochen alte Arkan war mit wedelnder Rute und auf tapsigen Pfoten geradewegs auf Julius zugekommen und hatte sich in dessen Schoß zusammengerollt. Die Ausbildung des Welpen oblag dem Förster Korbinian, der seit Jahren für die Echters arbeitete. Schließlich sollte der Hund einmal ein erfolgreicher Spürhund werden. Arkan hatte zwar schon einiges gelernt, doch er hörte nicht auf einen kleinen Jungen, sondern auf Korbinian.

Wieder und wieder brüllte Julius dem Hund hinterher, rannte so schnell er konnte und blieb irgendwann keuchend stehen. Arkan würde erst zurückkommen, sobald er entweder den Hasen – oder was auch immer ihm in die feine Nase gestiegen war – erlegt hatte oder seine Beute entkommen war. Was dagegen sicher war: Julius konnte sich auf eine Strafpredigt gefasst machen. Rascheln und das laute, wütende Grunzen eines durch das Unterholz brechenden Wildschweins drangen an seine Ohren, gepaart mit Arkans aufgeregtem Gebell und plötzlichem schrillem Aufjaulen. Julius blieb vor Schreck beinahe die Luft weg. Angestrengt horchte er in das Gebüsch hinein, hörte, wie das Wildschwein sich entfernte, dann ein schwaches Winseln.

„Arkan?“

Das Herz des Jungen hämmerte vor Angst und Aufregung, als er den kläglichen Hundelauten folgte und Arkan schließlich am Fuße einer Fichte liegen sah. Blut rann aus einer tiefen, klaffenden Wunde am linken Hinterbein und tränkte den Waldboden. Julius fiel auf die Knie, schob beide Arme unter den Körper des Hundes und kam mit zitternden Beinen zum Stehen. So schnell er konnte, lief er durch den Wald, den schwer verletzten Hund an sich gedrückt.

„Julius! Julius, wo steckst du?“ Michel Vetterer, der treue Hausknecht der Familie Echter, rief nach ihm.

„Hier! Michel, hilf mir!“ Die Stimme des Jungen klang dünn und gequält. Julius weinte, ohne es zu bemerken. Tränen rannen seine Wangen hinab, tropften auf Arkans seidiges Fell. Dann stand er plötzlich am Waldrand vor dem Knecht, der scharf die Luft einsog, als er den verletzten Hund sah.

 „Gib ihn mir“, sagte er und nahm das Tier sanft aus Julius‘ Armen. „Geh, und lauf zu Korbinian, schnell! Er wird wissen, was zu tun ist“, drängte Michel. „Ich bringe Arkan zum Schloss.“

Julius stürmte los zum Forsthaus, das ganz in der Nähe des Schloss Mespelbrunn umgebenden Sees lag. Wenig später kam er in Begleitung des Försters über die heruntergelassene Zugbrücke durchs Tor. Im Innenhof hatte Michel bereits den Hund auf eine alte Decke gelegt. Wortlos kniete sich Korbinian nieder, betastete vorsichtig die Wunde, die inzwischen zu bluten aufgehört hatte.

„Michel, besorg sauberes Leinen und verdünnten Wein, ich bin gleich wieder hier“, ordnete der Forstmeister an.

Julius blieb bei seinem Schützling, redete auf ihn ein und streichelte seinen Kopf. Eiligen Schrittes kehrte Korbinian mit einem Beutel zurück. Er spülte die Wunde mehrfach mit Wein und entfernte das Fell um die Wundränder mit einem scharfen Messer, während Michel den Hund festhielt. Dann nahm er eine Salbe aus dem Beutel und trug sie auf die nun sichtbare rosafarbene Haut auf.

 „Wofür ist das?“ Julius schluckte, als er sah, wie Arkan zusammenzuckte und wieder zu winseln begann.

„Die Opiumsalbe nimmt Arkan die Schmerzen“, brummte Korbinian, ohne aufzusehen.

Nachdem er die Wunde mit einem Pferdehaar vernäht und eine kleine Öffnung gelassen hatte, damit später der Eiter abfließen konnte, bestrich er ein Leinentuch mit Honig, legte es auf die Wunde, nahm ein weiteres Tuch, faltete es geschickt und brachte einen Verband an.

„Ich nehme Arkan mit zu mir, damit ich ihn weiter versorgen kann. Er bekommt einen Lederkragen, so kann er sich den Verband nicht abreißen.“

„Wird er wieder gesund?“, fragte Julius mit trockenem Mund.

„Ich weiß es nicht, doch wenn er es schafft, ist er wahrscheinlich als Jagdhund nicht mehr zu gebrauchen“, erwiderte der Forstmeister missmutig.

 

Julius stand mit gesenktem Kopf vor seinem Vater im Jagdzimmer des Schlosses und weinte. Die ausgestopften Köpfe der erlegten Hirsche, Böcke und Keiler an den Wänden schienen anklagend auf ihn herunterzustarren.

 „Hör auf zu weinen. Du enttäuschst mich, mein Sohn. Es war dir verboten, Arkan mit in den Wald zu nehmen, und trotzdem hast du es getan. Wenn er stirbt, ist es deine Schuld, nicht die des Keilers. Dem Herrn sei Dank, dass unser Forstmeister auch heilkundig ist und weiß, wie man verletzte Tiere behandelt. Doch trotz seiner Kunst liegt es allein in Gottes Hand, ob Arkan überlebt.“

Nachdem sein Vater ihn entlassen hatte, ging Julius zur Kapelle, die sich im kleineren der beiden Schlosstürme befand. Der Ballsaal im Erdgeschoss, durch den man zur Kapelle gelangte, war verlassen, worüber Julius froh war. Oft spielten er und seine Brüder dort Ball, wenn der Hauskaplan sie aus dem Unterricht entließ. Julius kniete sich in eine der Gebetbänke, auf deren hölzerner Front das Echterwappen prangte. Ein silberner Balken mit drei blauen Ringen, gekrönt von einem blausilbernen Helm, dessen Büffelhörner ebenso mit Ringen verziert waren. Das durch die Glasfenster fallende Sonnenlicht erleuchtete die winzige Kapelle und tauchte die farbigen Heiligenbilder an der Gewölbedecke in warmes Licht. Stumm betete der Junge zum Allmächtigen, er möge ihm vergeben und Arkan gesund werden lassen. Gelobte, sich fortan um Schwächere und weniger Begünstigte zu kümmern. Zeit seines Lebens.

Sein Vater hatte ihm mehr als deutlich gemacht, was er von ihm erwartete. Er, Julius, sei der Kirche versprochen und solle ein würdiger Diener Gottes werden. Ein Pfeiler des Glaubens auf dem Fundament der Nächstenliebe – das waren seine eindringlichen Worte gewesen. In eine ehrenhafte und reiche Familie hineingeboren worden zu sein, bedeute auch, für sich und andere Verantwortung zu übernehmen. Irgendwann erhob sich Julius mit schmerzenden Knien und verließ die Kapelle. Traurig und mit hängenden Schultern schlich er durch die Gänge des Schlosses.

„Julius, was ist mit dir?“

Plötzlich stand er vor Christina Alberdinen. Die zwergenhafte Magd mit ihrer verwachsenen Schulter war nur wenig größer als er. Sie war die gute Seele auf Mespelbrunn und wurde von allen geliebt, besonders von den Kindern, Adolf, Julius und Sebastian. Meist hütete sie die kleine Schwester der Echterbrüder, Margarethe, und kümmerte sich um den wenige Monate alten Valentin, der im Mai zur Welt gekommen war.

 Julius begann zu schluchzen und stürzte sich in Christinas Arme. Sie drückte ihn an ihren üppigen Busen, und nachdem er sich etwas beruhigt hatte, fasste sie nach seiner Hand und führte ihn in die Schlossküche mit ihrem Kreuzrippengewölbe. Warm und behaglich war es hier. Über dem Herd baumelten Kupfertöpfe und Pfannen unterschiedlicher Größe. Die Köchin bereitete das abendliche Mahl zu, und es duftete bereits köstlich.

„Setz dich, mein Junge“, sagte Christina.

Auf dem gemauerten Wandvorsprung neben dem großen Backofen stand ein frisch gebackenes, süßes Brot gefüllt mit Rosinen und Nüssen. Die kleinwüchsige Magd schnitt zwei dicke Scheiben ab, legte sie auf einen einfachen Teller und brachte ihn an den Tisch. Dann nahm sie Julius auf den Schoß und sah ihn aufmerksam an.

„Und nun erzählst du mir, was dich so bedrückt.“

Während Julius von seinem Ungehorsam, den Geschehnissen im Wald und von seiner Angst um Arkan berichtete, brach Christina immer wieder ein kleines Stückchen Brot ab und reichte es ihm, wenn er ins Stocken geriet und die Tränen zurückdrängte. Am Ende war das himmlisch schmeckende Brot aufgegessen. Julius fühlte sich erleichtert und so voller Zuversicht, Arkan werde wieder gesunden, dass sich sogar ein Lächeln auf sein Gesicht stahl.

Er schmiegte seinen Kopf an Christinas Halsgrube und murmelte schläfrig: „Wie nennt man dieses Brot?“

„Ich nenne es Seelenbrot“, antwortete sie und strich dem Jungen sanft über den blonden Schopf. „Es ist mit Liebe gebacken.“

 

 

1574

 

Spät in der Nacht wurde Simon plötzlich aus dem Schlaf gerissen. Melchior packte ihn an den Haaren und schleuderte ihn gegen die Wand. Bevor Simon sich aufrappeln konnte, war der Bäckermeister über ihm und schlug ihm die Faust ins Gesicht. Er hörte seine Nase krachen, Blut schoss heraus. Ein Schlag in den Bauch ließ ihn sich zusammenkrümmen, gefolgt von einem Tritt in die Nieren. Ein lauter Schrei entfuhr ihm, und die Esel begannen, unruhig zu wiehern. Weitere Schläge und Tritte hagelten auf ihn ein. Melchior Bernbeck war rasend vor Zorn.

 „Merk dir ein für alle Mal: Nie wieder wirst du dich in meinem Haus so benehmen!“

Er schlägt mich tot, fuhr es Simon durch Kopf. Der nächste Hieb ließ alles schwarz werden.

 

Wie lange er besinnungslos gewesen war, vermochte er nicht zu sagen, als er langsam wieder zu sich kam. Durch die Ritzen der Stalltür konnte er fahles Licht erkennen. Er erinnerte sich, dass Vollmond war. Mühsam wollte er sich aufrichten, doch sein Schädel schien bei jeder Bewegung zerplatzen zu wollen, und jede Handbreit seines Körpers schrie vor Schmerz. Stöhnend blieb er liegen. Selbst das Atmen tat weh, vermutlich hatte Bernbeck ihm eine Rippe gebrochen. Auch sein Sehvermögen war beeinträchtigt, das linke Auge war zugeschwollen. Ganz vorsichtig hob er die rechte Hand und fasste an seine Nase, spürte ihre Schiefe unter seinen tastenden Fingern. Simon schloss die Augen, nahm seine Nase zwischen die gekrümmten Zeige- und Mittelfinger. Mit einem beherzten Ruck richtete er das gebrochene Nasenbein und unterdrückte einen Schmerzensschrei.

Seine Gedanken schwirrten. Keinen Tag wollte er hier länger bleiben. Aber was sollte er tun? Er könnte die Zunft anrufen. Meister Schlichting mochte ihn. Bestimmt würde er ihm helfen, eine andere Lehrstelle zu finden. Die Zunftordnung sah vor, dass bei übermäßiger Gewalt, zu langen Arbeitszeiten und Tätigkeiten, die mit der Ausbildung nichts zu tun hatten, ein Lehrling sich an das Schiedsgericht wenden konnte.

„Bernbeck hat mich übel zugerichtet, und ich schufte jeden Tag zu lange. Zudem lässt er mich andere Arbeiten verrichten, wie sich um die Esel zu kümmern, nur weil er zu geizig ist, einen Knecht einzustellen. Nicht, dass ich die Esel nicht mag, aber all dies sollte ausreichen, von der Zunft einen anderen Lehrmeister zugeteilt zu bekommen“, überlegte Simon hoffnungsvoll.

Diese Aussicht verlieh ihm die Stärke, sich trotz der Pein aufzurichten. Mit zitternden Beinen lehnte er an der Wand, hielt sich an einer Leiter fest, bis er sicher war, nicht umzufallen. Quälend langsam schlurfte er hinaus in den Hof, schöpfte Wasser aus dem Brunnen, kühlte sein Gesicht und machte sich in der aufziehenden Dämmerung auf zu Meister Schlichting.

Der Weg erschien ihm zweimal so lange wie sonst, doch schließlich erreichte er sein Ziel. Schlichting besaß ein stattliches dreigeschossiges Haus, die große Tür zur Backstube im Erdgeschoss stand offen. Für einen Augenblick lauschte Simon den Gesellen, die ein Lied angestimmt hatten.

 

„Uns vor allem auf der Welt,

das Bäckerhandwerk gut gefällt, 

knet den Teig auf rechte Weise,

so erhält man gute Speise …“

 

So ging es also in einer Backstube zu. Gut gelaunte, fröhliche Menschen, die ihre Arbeit liebten und offenbar gerne zusammenarbeiteten. Wie anders war es doch bei Bernbeck. Simon pochte an die offen stehende Tür und machte einen Schritt in die warme, nach frischem Brot duftende Backstube.

„Grüßt euch Gott“, sagte er laut.

Die Gesellen sahen zur Tür, ohne ihre Tätigkeit zu unterbrechen. Einer knetete zwei Laibe auf einmal, der andere streute Mehl darüber, ritzte mit einem Messer die Oberfläche ein und schoss die Brote in den Ofen. Simon war beeindruckt, wie die beiden Hand in Hand arbeiteten.

„Was willst du, Junge?“, brummte der bärtige Mann am Ofen über die Schulter gewandt. Argwöhnisch betrachtete er die dunklen Blutflecken auf Simons Hemd. „Hungerleider sind nicht willkommen, geh und bettle woanders.“

„Ich bin kein Bettler“, erwiderte Simon, „ich bin ein Lehrjunge und suche Meister Schlichting.“

Die letzten Laibe wanderten in den Ofen, und die Männer wischten sich ihre bemehlten Hände an ihren Schürzen ab.

 „Der Zunftmeister ist auf dem Weg zum Stadtrat“, gab der Bärtige Auskunft.

„Was willst du von Schlichting?“, fragte der andere, ein hagerer Mann mit einer wulstigen Narbe im Gesicht, und musterte ihn neugierig.

„Das kann ich nur dem Meister selbst sagen.“ Simons Beine begannen zu zittern. Der Weg hierher hatte ihm einiges abverlangt.

„Er fällt uns gleich um, Karl“, warnte der Hagere und ging zur Tür, um Simon zu stützen.

 Als er ihm den rechten Arm um die Körpermitte legte, stöhnte Simon auf.

„Ich glaube, eine Rippe ist gebrochen“, stieß er zwischen zusammengepressten Zähnen hervor.

„Was prügelst du dich auch. Es gehört sich nicht für einen Lehrjungen. Und überhaupt, wo ist deine Schürze? Du weißt wohl, dass du ohne sie nicht aus dem Haus gehen sollst“, schimpfte der Bärtige.

„Lass ihn, Karl, ich habe so eine Ahnung, warum er zum Meister will. Setz dich hierhin, Junge.“ Sanft ließ er Simon auf die gemauerte Bank an der Wand gleiten.

„Sei bedankt. Ich heiße übrigens Simon. Simon Reber.“

„Ich bin der Lois. Was ist mit deinem Gesicht geschehen, du siehst ziemlich schaurig aus.“

„Was schon? Er wird sich mit anderen gerauft haben“, fuhr Karl dazwischen und begann, kleine runde Wecken aus Roggenteig zu formen.

„Mein Meister …“, sagte Simon leise und schluckte.

„Dein Meister hat dir das angetan?“ Lois pfiff leise durch die Zähne. „Hab ich’s mir doch gedacht. Siehst du, Karl?“

„Ein paar Ohrfeigen haben noch keinem geschadet, wer weiß, was er ausgefressen hat.“

„Das waren wohl nicht nur ein paar Ohrfeigen. Diese Narbe hier“, wandte er sich an Simon und zeigte auf den dicken roten Wulst, der sich von seinem Unterlid bis zum Kinn zog, „hat mir einst mein Lehrmeister verpasst. Er war sturzbetrunken und behauptete, ich hätte ihn bestohlen. Plötzlich hatte er ein Messer in der Hand und ist auf mich losgegangen.“

„Du hast Glück gehabt“, antwortete Simon. „Wann wird Meister Schlichting zurück sein?“

„Ich weiß nicht. Geh nach Hause und komm morgen wieder.“

„Kann ich nicht hierbleiben?“, flüsterte Simon, dem angst und bange wurde, wenn er nur daran dachte, zurückzugehen.

Lois schüttelte bedauernd den Kopf, und Simon erhob sich ächzend.

„Hier, nimm, du hast heute sicher noch nichts gegessen.“

Dankbar nahm Simon das Stück Brot entgegen, schenkte dem Gesellen ein trauriges Lächeln und verschwand.

Seine Füße trugen ihn zur Lilien-Apotheke. Vielleicht würde ihm Sterzing helfen, schließlich war dieser einer seiner Bürgen. Auf keinen Fall konnte er zurück zu Bernbeck.

 

Leseprobe aus "Der Getreue des Herzogs"

 

1493

 

„Du, komm her!“

Der sechsjährige Grafensohn Ulrich war auf der Suche nach einem Spielgefährten. Ihm war sterbenslangweilig auf Schloss Hohentübingen, wohin ihn sein Onkel, Graf Eberhard, mitgenommen hatte. Ulrich hatte seiner Kinderfrau Oda eine lange Nase gedreht und war fortgerannt. Im Schlosshof war ihm ein dunkelhaariger Junge aufgefallen, der Gemüse putzte. Der Küchenjunge war etwas älter als Ulrich, sein Gesicht trug einen verträumten Ausdruck und er fühlte sich auf sein Rufen hin nicht angesprochen, ja, er sah nicht einmal auf. Ulrich überquerte den Hof und stellte sich vor den Jungen.

„Spielst du mit mir Murmeln?“

Der Dunkelhaarige hob den Kopf und blinzelte gegen die Sonne. Der Junge vor ihm trug ein Wams aus dunkelgrünem Samt über einem hellen Hemd, dazu enge Hosen und eine Schaube. Durchdringende graue Augen blickten ihn an. Der Neffe des Grafen, stellte der Küchenjunge verwundert fest.

„Meint Ihr mich? Ich muss arbeiten, sonst zieht mir der Koch die Ohren lang.“

„Das lass mal meine Sorge sein. Komm schon ... wie auch immer dein Name lautet“, forderte Ulrich nachdrücklich. Seine Stimme duldete keinen Widerspruch.

„Johannes, mein Name ist Johannes.“ Er legte das Messer beiseite und stand von seinem Hocker auf.

„Ulrich.“

Der junge rotblonde Prinz streckte Johannes seine Rechte entgegen und dieser schlug ein. Die beiden Jungen grinsten sich an, dann eilten sie an den verblüfften Wachen vorbei durch das Schlosstor und fanden in dem angrenzenden kleinen Schlossgarten eine ruhige Ecke für ihr Murmelspiel.

Hoch oben über der Stadt thronte das Schloss, sah hinab auf das glitzernde Band des Neckars, der seine ruhigen Gewässer in großen Schleifen vorbei an üppigen Wiesen und goldgelben Feldern führte.

Ulrich verteilte die Murmeln. Rot gefärbte für ihn, die Blauen bekam Johannes, der mit der Fußspitze einen Kreis im Gras zog.

„Ich habe den ersten Wurf“, bestimmte Ulrich und rieb sich mit dem Handrücken über die verschwitzte Stirn.

Er war viel zu warm angezogen. Flink entledigte er sich der Schaube und ließ sie achtlos fallen. Dann kniete er sich ins Gras und schnippte die erste Murmel. Sie landete knapp außerhalb der Linie.

Johannes legte sich bäuchlings auf den Boden, krümmte den rechten Zeigefinger, presste den Daumen dagegen, platzierte eine blaue Murmel auf den Daumennagel und zielte. Treffsicher landete die Murmel im Kreis. Am Ende gewann Johannes mit einer Kugel Vorsprung. Ulrich zog ein mürrisches Gesicht.

„Noch mal, aber jetzt gewinne ich.“

Doch auch bei dieser Runde verlor er, und seine Wangen röteten sich vor Zorn. Sie trugen drei weitere Runden aus, und Johannes achtete dieses Mal darauf, den Grafensohn gewinnen zu lassen, ohne dass Ulrich es bemerkte. Nachdem Ulrich auf diese Weise dreimal den Sieg davongetragen hatte, strahlte er über das ganze Gesicht. Die Jungen setzten sich in den Schatten einer alten Linde.

„Hast du Geschwister?“, fragte Ulrich und lehnte sich an den Stamm.

„Ja, neun. Sechs Schwestern und drei Brüder“, antwortete Johannes. „Ihr seid Graf Eberhards Neffe, nicht wahr?“

Ulrich nickte.

„Was ist mit Euren Eltern?“

„Lass die höfische Anrede sein. Meine Mutter ist tot, sie starb kurz nach meiner Geburt. Und mein Vater befindet sich auf Hohenurach. Das ist eine Burg, die weniger als einen halben Tagesritt von hier entfernt ist“, fügte Ulrich erklärend hinzu.

„Warum bist du nicht bei deinem Vater?“, wollte Johannes wissen.

Ulrich rollte mit den Augen. „Er ist nicht gesund, sein Geist sei verwirrt, wurde mir gesagt. Wollen wir morgen wieder spielen? Ich werde wohl einige Zeit hierbleiben.“

„Ich gehe zur Schule, und danach muss ich arbeiten. Als Kind armer Eltern ist das Leben nicht so einfach. Du hast es gut, als Grafensohn musst du dir keine Sorgen machen, ob du am nächsten Tag zu essen hast oder ...“

„Johannes! Du nichtsnutziger Tagedieb, wo steckst du?“, brüllte jemand.

Johannes verzog das Gesicht. „Der Küchenmeister scheint mich zu vermissen. Eine Ohrfeige ist mir sicher, aber das war es wert“, grinste er schief und kam auf die Füße. Er winkte dem Grafensohn zu und rannte los.

Ulrich hob seine Schaube auf, sammelte die Murmeln ein und folgte ihm gemächlich. Im Schlosshof hörte er Johannes aufschreien. Er beschleunigte seine Schritte und als er um die Ecke bog, sah er, wie der Küchenmeister Johannes windelweich prügelte.

„Lass ihn zufrieden!“, brüllte Ulrich.

Mitten in der Bewegung hielt der Küchenmeister inne, wandte seinen kahlen Kopf und ließ den Arm sinken. „Verzeiht, junger Herr, aber dieser Nichtsnutz hat sich aus dem Staub gemacht, anstatt seiner Arbeit nachzukommen.“

Ulrich trat näher und sah den dicken Mann böse an, die Hände in die Seiten gestemmt. „Ich habe Johannes dazu gebracht, seine Arbeit liegen zu lassen, und nun lass ihn los. Auf der Stelle!“

Der Küchenmeister verzog verächtlich die Lippen.

„Johannes hätte seine Arbeit nicht vernachlässigen dürfen, ganz gleich, ob Ihr einen Gefährten suchtet oder nicht. Und du“, zischte er Johannes an und gab ihm eine schallende Ohrfeige, sodass dessen Kopf zur Seite flog, „scher dich in die Küche.“

„Das wird dir noch leidtun. Johannes kommt mit mir! Schäl das Gemüse doch selbst“, versetzte Ulrich hochmütig. „Komm, lass uns gehen“, forderte er seinen neuen Freund auf, der sich mit schmerzverzerrter Miene die linke Wange rieb.

„Sei bedankt, Ulrich, aber ich glaube, es ist besser ...“

„Nichts da! Wir gehen zu meinem Onkel.“ Er fasste Johannes bei der Hand und zog ihn mit sich.

Doch der dicke Mann hielt Johannes am Ärmel fest. „Du bleibst hier.“

Ulrich, der es nicht leiden konnte, wenn er seinen Willen nicht bekam, trat dem Küchenmeister mit aller Kraft gegen das Schienbein. Der verblüffte Mann jaulte auf und rieb sich den schmerzenden Knochen.

„Ich bin Prinz Ulrich von Württemberg, und wenn ich sage, Johannes kommt mit mir, dann hast du das hinzunehmen. Und wag es nicht noch einmal, meinem Freund wehzutun!“

 

 1512

 

„Wie kannst du es wagen, dich gegen den Kaiser zu stellen?“, fauchte Sabina und hielt sich den stetig wachsenden Bauch. In wenigen Wochen würde sie ihr erstes Kind bekommen. Sie hoffte auf einen gesunden Sohn. Jeden Tag kniete sie vor dem kleinen Altar, der in einer Nische ihres Gemachs stand, und betete zur heiligen Mutter Gottes.

Im Oktober war Herzog Ulrich nach Augsburg gereist und aus dem Schwäbischen Bund ausgetreten. Im Anschluss hatte er sich in die Kurpfalz begeben, um sich mit Kurfürst Ludwig zu vereinen. Gemeinsam mit Baden und Kursachsen sollte ein Gegenbund entstehen. Die letzten Tage hatte er schließlich in Köngen im Hause der Thumb von Neuburg verbracht. Sabina war sicher, dass er nicht nur mit seinem Erbmarschall gesprochen, sondern vielmehr Ursula besucht hatte. Ihr Ehegatte machte keinen Hehl aus seiner Verehrung für Thumb von Neuburgs hübsche Tochter.

„Was kümmert es dich? Württemberg ist mein Land, und es wird von mir regiert. Es darf nicht sein, dass der Bund mich in meinen Rechten einschränkt“, entgegnete Ulrich und trat wütend gegen einen Stuhl.

„Der Bund kam dir doch entgegen, dank der Fürsprache meines kaiserlichen Onkels. Außerdem hat Maximilian dir gestattet, den Weinzoll zu verdoppeln. Es war keine kluge Entscheidung, aus dem Schwäbischen Bund auszutreten.“ Schwerfällig ging Sabina zum Fenster und sah hinaus in den grauen Novembermorgen. Gott, wie sie ihren Mann verachtete. Warum nur musste sie ihr Leben an der Seite eines groben Kerls wie Ulrich verbringen?

„Halt den Mund, und geh mir aus den Augen, du hässliches, fettes Weib“, fuhr er sie an.

„Das ist immer noch mein Gemach, also scher du dich zum Teufel“, keifte Sabina über ihre Schulter. „Und nimm deine stinkenden Köter mit.“

„Vielleicht sollte ich darüber nachdenken, dir ein anderes Gemach zuzuweisen. Ich denke gerade an die oberste Kammer im Turm“, brummte Ulrich, während er, gefolgt von seinen Hunden, die Tür hinter sich zuwarf.

Der Herzog trat hinaus in die eisige Kälte, ein beißender Wind pfiff zwischen den Schlossmauern hindurch. Seine Füße, die in pelzgefütterten warmen Stiefeln steckten, trugen ihn, ohne groß darüber nachzudenken, in den Stall. Immer, wenn er sich über Sabina ärgerte, suchte er die Gesellschaft des Oberstallmeisters Hans von Hutten. Mit grimmigem Gesicht betrat er die Stallungen. Ein Stallbursche, der gerade die Stallgasse fegte, erstarrte mitten in der Bewegung. Den Besenstiel hielt er krampfhaft umklammert, sodass die Knöchel seiner Hand weiß hervortraten. Der Herzog jagte ihm jedes Mal Angst ein, wenn er ihm begegnete.

„Was stehst du hier faul rum?“, herrschte Ulrich den Jungen an.

Mit zitternden Händen fegte der Bursche weiter, seine Bewegungen hastig und fahrig, eilte er die Stallgasse entlang.

„Nennst du das kehren?“, schnarrte Ulrich und wies auf einzelne Strohhalme, die dem Besen entgangen waren.

„N... nein, verzeiht, Durchlaucht.“

Der Junge kam mit hochrotem Kopf zurück, um die Halme beiseite zu kehren. Als er auf Ulrichs Höhe war, erhielt er eine Ohrfeige, die ihn taumeln ließ. Der Herzog entriss ihm den Besen und begann zügellos auf den Burschen einzudreschen.

„Das wird dich lehren, künftig ordentlich zu sein!“

Der Junge krümmte sich und versuchte mit erhobenen Armen seinen Kopf zu schützen.

„Haltet ein, Durchlaucht, haltet ein!“ Hans von Hutten hatte das Geschrei gehört und kam aus der Geschirrkammer angelaufen. Ulrich versetzte dem Burschen noch einen letzten Streich, dann ließ er den Besen fallen.

„Ich war auf dem Weg zu Euch, als ich diesen Taugenichts erwischte. Faul und unordentlich und zu dumm, um mit einem Besen umzugehen.“

„Geh wieder an die Arbeit“, sagte Hans von Hutten und zwinkerte dem Jungen kaum merklich zu.

Der Marstaller wusste nur zu gut, dass der Bursche kein Nichtsnutz war und sich wie die meisten Bediensteten vor den Launen des Herzogs fürchtete.

„Kommt mit, Durchlaucht, seht Euch die Fortschritte der jungen Pferde an“, wandte er sich an Ulrich, um diesen abzulenken.

Fluchend setzte sich der Herzog in Bewegung und ging neben Hans her. Die Hunde folgten ihm auf dem Fuß. „Entlass den Jungen, er taugt nichts.“

 

 1513

 

„Es reicht. Wir können es nicht länger hinnehmen, dass immer mehr Schulden angehäuft werden“, erklärte der Zunftmeister der Büchsenmacher. „Teure Feldzüge, die nicht die erhoffte Kriegsbeute einbringen, die Teilnahme an den Reichstagen, die Herzog Ulrich mit einem riesigen Gefolge bestreitet, und seine völlig übertriebenen Gelder, die er den Musikanten seiner Hofkapelle bezahlt. Von den sündhaft teuren Instrumenten einmal abgesehen ...“, begann er seine Aufzählung.

„Nicht zu vergessen, die teuren Rösser, die er in allen Herren Ländern zusammenkauft“, warf ein Kaufmann ein. „Ulrich bringt das Land an den Rand des Ruins.“

„Dort sind wir schon“, rief ein anderer dazwischen. „Der Herzog muss einen Landtag einberufen. Mir kam zu Ohren, dass allein dieses Jahr mehr als fünfzigtausend Gulden neue Schulden aufgenommen wurden. Das ist ungeheuerlich!“

Solch aufgebrachte Männer gab es nun überall im Land, nicht nur in Stuttgart, wo die Menschen nahezu täglich mitansehen mussten, wofür die erhobenen Steuern und Sonderumlagen vergeudet wurden.

Doch der Herzog dachte nicht daran, einen Landtag einzuberufen. Es war besser mit einzelnen Städten zu verhandeln, als sich dem geballten Widerstand des Landtags zu stellen. Seine Räte schlugen eine Vermögenssteuer vor, und Ulrich versprach den Stadtoberen, in Zukunft keine weiteren Umlagen mehr zu fordern, wie für eine Heeresaufstellung im vergangenen Jahr. Ausgewählte Männer wurden ausgesandt, um die Vermögen der Landstände zu prüfen und aufzuschreiben, damit die geplante Steuer festgesetzt werden konnte. Dazu gehörten nicht nur die Gulden in den Truhen, sondern Häuser, Landbesitz und mit wenigen Ausnahmen die gesamte Fahrnis: Pferde, Vieh, Fische in den Teichen, Holzscheite, die fein säuberlich für den Winter aufgestapelt waren, Möbel, Karren, Pferdegeschirre - alles wurde gezählt und fein säuberlich vermerkt.

 

 

„Endlich sind wir unter uns“, sagte der Herzog und ließ sich in einen brokatüberzogenen Sessel fallen. „Setz dich und erzähl mir von dir, mein Freund.“

Johannes berichtete von seinem täglichen Kampf gegen Krankheiten, schilderte, wie er noch vor Tagesanbruch im Sattel saß, um in die nahen Städte und Dörfer zu reiten und nach den Menschen zu sehen, die seiner Hilfe bedurften.

„Du bist ein guter Mensch, Johannes, und neben meinem Stallmeister Hans von Hutten mein einziger Freund“, nickte Ulrich wohlwollend. „Doch sag, gibt es eine Frau in deinem Leben?“

„Die, die ich will, kann ich nicht haben.“ Eine traurige Miene machte sich auf Greiners Gesicht breit.

„Und die, die ich habe, will ich nicht. Wir befinden uns also beide in einer ähnlich ausweglosen Lage“, entgegnete Ulrich trocken und lehnte sich nach vorne, die Unterarme auf die Oberschenkel gestützt. „Kenne ich sie? Die Tochter eines Adligen? Du weißt ja, ich bin der Herzog und dein Freund, ich könnte etwas für dich arrangieren.“ Aufmunternd sah er Johannes an, was diesen zum Lachen brachte.

„Ich weiß das zu schätzen, lieber Ulrich. Aber sie hat sich für einen anderen entschieden. Allerdings nicht aus freien Stücken, sondern nur, um ihren Großvater nicht vor den Kopf zu stoßen.“

„Sei so gut, und ruf uns einen Diener, der Wein und Naschwerk bringen soll. Und dann will ich wissen, wer sie ist, die dich so unglücklich macht.“

Johannes ging zur Tür, streckte den Kopf in den Gang und winkte einem Pagen, der ergeben an eine Säule gelehnt wartete, bis seine Dienste benötigt wurden. Er eilte sich, den Wünschen seines Herrn nachzukommen, und erschien wenig später mit einem ordentlichen Krug Wein und zwei Pokalen, gefolgt von einer Magd mit zwei Tellern, auf denen eine duftende in Schmalz gebackene Eierteigspeise, getränkt in einer warmen Mischung aus Wein und Honig, angerichtet war. Der Herzog und Johannes leckten sich zufrieden die Lippen, nachdem sie die Süßspeise genüsslich verzehrt hatten.

„Du bist mir noch eine Antwort schuldig“, sagte Ulrich und lehnte sich satt und zufrieden in seinem Sessel zurück.

„Ihr Name ist Sophie. Sie ist die Enkeltochter des Tübinger Stadtvogts. Und sie ist mit einem deiner Räte verlobt. Ambrosius Volland“, erzählte Johannes seufzend.

„Nun, das ist allerdings eine verzwickte Lage.“ Ulrich rieb sich das bärtige Kinn.

„Jetzt möchte ich aber etwas von dir hören“, gab Johannes dem Gespräch eine andere Wendung, denn er wollte nicht weiter über seine unglückliche Liebe sprechen. „Du bist Vater geworden. Hat sich dadurch zwischen dir und Sabina etwas zum Guten verändert?“

Ulrich verdrehte die Augen. „Oh, dieses schreckliche Weib hat mir eine Tochter geboren! Konnte sie denn nicht einen Sohn bekommen? Nun muss ich sie weiter besteigen, um einen Erben zu zeugen. Ich sage dir, das ist kein Spaß. Aber wenigstens habe ich meine wunderbare Ursula. Insofern geht es mir also besser als dir. Ich habe zwei Frauen, eine, die ich liebe, und eine, auf die ich leider wegen der Erbfolge nicht verzichten kann. Du musst mit den Huren vorliebnehmen, wenn die Säfte überschießen.“

Johannes schüttelte den Kopf. „Da muss ich dich leider enttäuschen. Zu den Huren gehe ich nicht, das bringe ich nicht über mich. Außer natürlich, sie sind krank, und ich kann ihnen vielleicht helfen, versteht sich.“

„Oh, komm schon, Johannes, du bist ja beinahe ein Heiliger. Willst du dein Leben lang einer Frau hinterherweinen und auf alles verzichten?“

„Für Sophie würde ich alles tun. Du kennst sie nicht. Sie ist wunderbar. Und ja, wenn es so sein soll, dass sie nie die meine wird, dann will ich keine andere.“

 

 1515

 

„Steigt auf, Greiner, wir reiten nach Urach“, befahl der Herzog mit finsterer Miene.

Johannes blieb keine Wahl und er wagte nicht, noch einmal nachzufragen, was geschehen war.

„Öffnet das Tor“, brüllte Ulrich und gab seinem Pferd die Sporen.

In Windeseile galoppierten sie durch das Tor und die Stadt, die Hufeisen der Pferde ließen Funken auf dem Pflaster sprühen. Eines der Tiere stolperte, fing sich aber wieder, und sein Reiter hatte alle Mühe, im Sattel zu bleiben. Rücksichtslos ritten sie durch die Gassen, Menschen sprangen zur Seite, Stände wurden umgerissen und ein Teil der Waren geriet unter die Hufe. Dann ritten sie durch das Stadttor hinaus und folgten flussaufwärts dem Lauf der Steinach.

In kürzester Zeit ragten zu ihrer Linken die weißen Felsen mit dem Hohenneuffen empor. Vom Tal aus war die starke Ringmauer der Burg mit ihren Ecktürmen bereits von Weitem sichtbar. Sie gönnten den Pferden eine kurze Rast, bevor sie weiter Richtung Süden ritten. Von Hohenneuffen war es nicht mehr weit bis nach Urach. Doch anstatt in die Stadt hineinzureiten bis zum Schloss, schlug der Herzog den Weg bergauf ein. Sein Ziel war Hohenurach. Die Burg thronte oben auf dem Gipfel und war, wie es hieß, noch nie bezwungen worden. Der steile Anstieg und das unwegsame Gelände machten es Angreifern schwer, überhaupt bis zu den starken Mauern vorzudringen.

Johannes fror erbärmlich, ein eisiger Wind begleitete die Schar seit geraumer Zeit. Der Arzt vergrub seine Hände in der dichten Mähne des Pferdes, um ein bisschen von der Wärme, die das Tier ausstrahlte, abzubekommen. Außerdem knurrte sein Magen, wohl oder übel hatte er auf den morgendlichen Brei und ein Stück Brot verzichten müssen. Nun hoffte er, wenigstens auf der Burg etwas zu essen zu bekommen und endlich zu erfahren, wer oder was den Zorn des Herzogs derart erregt hatte.

Die Pferde atmeten schwer und prusteten laut durch die Nüstern, als sie ihre Reiter den Berg hinauftrugen. Johannes lehnte sich nach vorn, um es seinem Reittier leichter zu machen. Wenigstens wurde der Wald dichter und hielt den Wind etwas ab. Die Männer vor und hinter ihm waren schweigsam. Auf Johannes’ Frage, warum sie nach Hohenurach unterwegs waren, erhielt er nur ein unwilliges Brummen zur Antwort. Für einen Augenblick hatte er darüber nachgedacht, ob Ulrich nach seinem leiblichen Vater sehen wollte, der nach wie vor auf der Burg gefangen gehalten wurde. Doch das konnte er sich nicht vorstellen. Er war sich nicht einmal sicher, ob der Herzog überhaupt einen Gedanken an Heinrich verschwendete.

Endlich war der Anstieg bewältigt, und sie erreichten die Vorburg, wo sich Gesindehäuser, Ställe und Speicherschuppen befanden. Knechte kamen herbei, um den Reitern die Pferde abzunehmen. Als einer der Burschen sich ungeschickt mit Ulrichs Pferd anstellte, versetzte der Herzog ihm einen derben Tritt gegen das rechte Knie. Mit einem Schmerzensschrei strauchelte der Junge und ging zu Boden. Ulrichs Hengst tänzelte erregt um ihn herum, sodass seine Hufe dem armen Kerl gefährlich nahe kamen.

„Steh auf, du elender Nichtsnutz und geh mir aus den Augen!“, herrschte Ulrich ihn an, während er dem Hengst beruhigend über die Nüstern strich und die Zügel seinem Knappen übergab.

Wieder einmal konnte Johannes nur stumm den Kopf schütteln. Zu seinen Pferden und Hunden war Ulrich sanft und freundlich, Menschen hingegen schien er mehr und mehr zu verabscheuen. Bevor er weiter darüber nachgrübeln konnte, was Ulrich hier wollte, kamen zwei gerüstete breitschultrige Gestalten auf Johannes zu, und ehe er sich versah, hatten sie ihn in Ketten gelegt. Er war wie erstarrt. Gehetzt sah er sich nach Ulrich um und fing dessen Blick auf, in dem der Hass loderte.

„Durchlaucht, was geht hier vor?“ Johannes erkannte kaum seine eigene Stimme. Dünn und brüchig hörte sie sich an.

„Ein Verräter seid Ihr, Greiner. Ein mieser Verräter. Das hätte ich nie von Euch gedacht“, entgegnete Ulrich kalt.

„Aber, wieso? Was werft Ihr mir vor?“

Ulrich wandte sich ab und nickte den Männern zu, die Johannes gefesselt hatten. „Bringt ihn in den Turm.“

„Ulrich! Ulrich! So warte doch! Sag mir, was geschehen ist? Ich würde dich nie verraten“, brüllte Johannes, als die Männer an ihm zerrten und zogen. Doch der Herzog kehrte ihm den Rücken und ging davon.

Johannes wurde in ein dunkles Verlies gestoßen und fiel in feuchtes, schimmlig riechendes Stroh. Die schwere Eisentür schwang hinter ihm zu, ein Schlüssel klirrte und ein Riegel wurde vorgeschoben. Nach einer Weile hatten sich seine Augen an das schummrige Licht gewöhnt, das nur durch einen Schlitz im Mauerwerk hineindrang. Draußen ertönte das Geklapper von Pferdehufen, das sich aber schnell entfernte.

Drei Schritte waren es von einer Wand zur nächsten, die Fuß- und Handschellen scheuerten an seinen Gelenken. Wenigstens lag eine alte Decke in einer Ecke, die zwar vor Schmutz starrte, aber das war besser als gar nichts. Einen Abtritteimer gab es nicht. Erschöpft und niedergeschlagen setzte Johannes sich ins Stroh, legte sich die Decke mit Mühe um die Schultern und lehnte den Kopf gegen die feuchte Wand. Wieder und wieder zermarterte er sich das Hirn, warum er hier eingesperrt war. Würde er es jemals erfahren oder würde Ulrich ihn hier einfach vergessen und verrotten lassen? 

 

Wohnzimmerlesung!        

 

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Leseprobe aus "Die Erleuchtung der Welt"

 

1428 - Neckargemünd

 

Wigbert griff nach dem ledernen Würfelbecher, schüttelte und stülpte ihn auf den rohen Holztisch, lüftete ihn. Nur eine Zwei und eine Drei. Das reichte bei Weitem nicht, um die beiden Fünfen, die gerade gewürfelt worden waren, zu übertrumpfen. Verloren. Schon wieder.

"Tja, Wigbert", sieht schlecht für dich aus, ich fürchte, du musst mich bezahlen", feixte Cuntz. Der Winzer schien das Glück gepachtet zu haben, hatte kaum eine Würfelrunde verloren, und das Häufchen gewonnener Münzen vor ihm wuchs stetig.

"Wie viel?"

"Drei Gulden."

Großer Gott, das konnte er niemals bezahlen. Für drei Gulden musste er zwei Monate arbeiten. Mit einem Schlag war er nüchtern.

"So viel habe ich nicht", antwortete Wigbert heiser.

Cuntz' Gesicht nahm einen harten Zug an.

"Dann gib mir, was du hast, und den Rest bezahlst du bis Ende Jänner."

"Aber wovon soll ich dann leben? Jetzt ist keine Erntezeit, kaum einer braucht einen Tagelöhner. Ich komme so schon schlecht über die Runden. Das kann ich nicht, meine Kinder ...", rief Wigbert entsetzt.

"Nicht meine Angelegenheit. Du hast Geld zum Würfelspiel, dann kann es so schlimm nicht sein", erwiderte Cuntz Wengerter unversöhnlich.

"Er hat recht, Wigbert", pflichtete einer der Mitspieler dem Winzer bei.

Fieberhaft dachte Wigbert über einen Ausweg nach. Dann kam ihm ein rettender Gedanke.

"Meine Tochter Helena könnte die Schulden bei dir auf dem Weinberg abarbeiten oder im Haus. Bald ist Mariä Lichtmess, da kannst du sicher ein paar Hände mehr gebrauchen. Sie ist fleißig, geschickt und nicht dumm. Ich würde sie dir überlassen, bis die Schulden abgetragen sind."

"Ist sie hübsch?"

Wigbert pries Helenas Vorzüge in den höchsten Tönen.

"Feingliedrig und anmutig wie ein Reh ist sie, und trotzdem kann sie zupacken. Ihr Haar hat eine besondere Farbe, dunkelrot wie das Herbstlaub, und ihre grünen Augen funkeln wie Edelsteine. Und sittsam ist sie, wie es sich für ein anständiges Mädchen gehört. Ein wahrer Engel, gottesfürchtig und gehorsam."

"Schon gut, Wigbert, bevor du mir noch weismachst, sie ist die Jungfrau Maria, schau ich sie mir lieber selbst an. Und nun lass uns gehen." Er stieß Wigbert den Ellbogen in die Rippen.

"Jetzt?"

"Natürlich jetzt."

"Ja, ja, einverstanden, ich versichere dir, ich habe nicht übertrieben, was meine Tochter anbelangt", beeilte sich Wigbert zu sagen.

Mühsam und schwankend erhob sich Wigbert von seinem Hocker und verließ, gefolgt von Cuntz, das Wirtshaus. Draußen waren die Gassen matschig. Der Winter hatte in den letzten Wochen die Natur fest im Griff gehabt, doch seit zwei Tagen war Tauwetter eingetreten, das den gefrorenen Untergrund in Schlamm verwandelt hatte. Der Winzer nahm Wigbert mit auf seinen Wagen, ließ die Leinen auf die dunkelbraunen

Pferderücken klatschen, und die beiden Tiere zogen geduldig an.

Als Wigbert und Cuntz die Kate betraten, war Helena gerade dabei, einen Brei aus Weizen zu kochen. Mit kräftigen Bewegungen rührte sie im Topf und gab noch ein paar verschrumpelte Zwiebeln hinzu, damit die Mahlzeit nicht ganz so fade schmeckte.

"Helena, bring unserem Gast und mir etwas zu trinken", forderte Wigbert seine Tochter mit schwerer Zunge auf.

Helena blickte über die Schulter und betrachtete argwöhnisch den Fremden, der neben ihrem Vater stand. Groß gewachsen, breite Schultern, einen stattlichen Bauch vor sich hertragend, hellbraunes Haupthaar und einen etwas dunkleren Bart. Seine Gesichtszüge wirkten hart, und seine braunen Augen musterten Helena kalt. Sie holte zwei Becher und einen Krug mit Dünnbier. Beides stellte sie auf den Tisch, schenkte ein und wollte sich gerade wieder der Feuerstelle zuwenden, als Cuntz sie grob am Handgelenk packte.

"Nicht so schnell, meine Hübsche."

Helena erstarrte und spürte einen Kloß in ihrem Hals.

"Du hast nicht zu viel versprochen, Wigbert,", wandte sich Cuntz an seinen Gastgeber. "Ein hübsches Mädchen hast du da, und wenn ich mich hier so umsehe, hält sie deine Hütte in Ordnung."

Helena warf ihrem Vater einen fragenden Blick zu, doch dieser wich ihr aus.

"Ich hab's dir doch gesagt. Dann gilt jetzt unsere Abmachung?", krächzte Wigbert heiser.

"Was für eine Abmachung, Vater?", wagte Helena mit klopfendem Herzen zu fragen.

Doch dieser blieb ihr die Antwort schuldig, senkte den Blick beschämt zu Boden. An seiner statt klärte der Winzer sie grinsend auf und gab ihren Arm frei.

"Du kommst mit mir und arbeitest die Spielschulden deines Vaters ab."

Entsetzt riss Helena die Augen auf.

"Wie konntest du nur?", rief sie wütend. "Statt zu arbeiten, versäufst und verspielst du das Wenige, das wir haben! Und das am hellichten Tag. Ich ..."

Eine schallende Ohrfeige Wigberts brachte sie zum Schweigen. Ihre Wange brannte, Tränen stiegen ihr in die Augen, doch Helena drückte sie tapfer zurück. Sie würde sich keine Blöße geben und weinen. Fest presste sie die Kiefer zusammen. Ihre Augen wurden zu schmalen Schlitzen. Ihr Vater verschacherte sie wie ein Stück Vieh. Das würde sie ihm nie vergeben.

"Koch den Brei fertig, dann gehst du mit Cuntz."

Seine traurigen Augen ließen sie wissen, es tat ihm leid, sie geschlagen zu haben.

Nur gut, dass Mutter das nicht erleben muss. Bestimmt dreht sie sich im Grabe um, dachte Helena zornig.

"Du kannst deinen Brei alleine kochen, ich gehe gleich", schleuderte sie ihm entgegen. "Oder frag Siegfried, vielleicht übernimmt der nun die Hausarbeit."

Cuntz Wengerter gefiel das Mädchen immer besser. Von wegen gehorsam. Eine kleine Rebellin war sie. Die Zeit mit Helena auf seinem Wingert versprach spannend zu werden. Er würde ihr ihre Widersetzlichkeit schon austreiben, freute sich der Winzer diebisch.

"Stimmt genau, Wigbert, jetzt musst du wohl selbst den Brei rühren. Es riecht schon ein wenig angebrannt", feixte er. "Na komm schon, Mädchen, vor uns liegt ein ordentliches Stück Weg."

"Mein Name ist Helena", sagte sie mit fester Stimme.

Sie nahm den alten Mantel ihrer Mutter, der schon deutlich bessere Tage gesehen hatte, und verließ hocherhobenen Hauptes die Kate, ohne ihren Vater noch eines Blickes zu würdigen. Cuntz folgte ihr auf dem Fuß, nicht ohne Wigbert zuzuwinkern.

"Steig hinten auf", forderte der Winzer, hievte sich auf den Kutschbock und nahm die Zügel in die Hand. Der Wagen setzte sich in Bewegung.

Als Winzer verdiente er gutes Geld und konnte sich Pferde und Wagen leisten. Helena war froh, dass sie nicht zu Fuß gehen musste. Ihr schäbigen alten Schuhe hielten mit viel Glück gerade noch diesen Winter über durch. Vielleicht war es ja ein Wink des Schicksals, dass ihr Vater beim Würfeln verloren hatte.

Wenn ich mich anstrenge und fleißig bin und mich unentbehrlich mache, dachte sie, behält Cuntz mich vielleicht als Magd. Das wäre besser als wieder zurück zu Vater zu gehen. Bestimmt sind die Schlafstätten für die Arbeiter auf dem Wingert trockener und wärmer als in unserer armseligen, zugigen Hütte.

"Helena! Helena!"

Sie wandte den Kopf. Ihr kleiner Bruder Siegfried lief hinter dem Wagen her.

"Wo fährst du hin? Was hat das zu bedeuten?", schrie er aufgeregt.

"Frag Vater! Und pass auf dich auf, Siegfried."

Cuntz ließ die Pferde antraben, und der Wagen entfernte sich schnell. Siegfrieds Gestalt, die mit hängenden Armen auf der Straße stand, wurde immer kleiner.

 

1441 - Schloss Stuttgart

 

Wenige Tage später kam es wieder zu einem heftigen Streit. Doch dieses Mal war es Margarete vollkommen gleichgültig, dass jeder ihre Bösartigkeiten hören konnte, der sich in der Dürnitz aufhielt.
»Das Schloss ist zu klein, wie oft soll ich das noch sagen. Ich, als Tochter eines Herzogs, brauche eine eigene Halle, um Empfänge geben zu können. Zu viele Menschen leben hier
auf zu engem Raum, nie hat man seine Ruhe. Kein Wunder, dass Mechthild ihr Kind verloren hat. Abgesehen davon ist sie auch viel zu dünn, um ein Ungeborenes zu ernähren. Zudem ist sie jeden Tag wie ein Mann in den Sattel gestiegen. Als ob
es keine Kutschen oder Damensättel gäbe. Vermutlich kann sie froh sein, bestimmt hätte sie wieder einem kranken Wicht das Leben geschenkt.«
Mechthild erstarrte, Ludwig und Ulrich hielten mitten in der Bewegung inne und rissen ungläubig ihren Mund auf. Keiner sagte etwas. Helena stand ganz langsam von ihrem Platz auf, ging zu Margarete, die sie hochnäsig musterte, griff nach deren
Weinpokal und schüttete ihn der Gräfin mitten ins Gesicht. Sie warf den Pokal auf den Tisch, drehte sich um und verließ die Halle. Von den Tischen, wo die Dienstboten saßen,
war leises Gekicher zu hören, einige wagten sogar, verhalten zu klatschen, und gedämpftes Gerede setzte ein.
Von Margaretes Haaren und Gesicht tropfte der Rotwein, ihr hellgrünes Brokatkleid zeigte einen riesigen Fleck. Als Ulrich ihr nicht zur Seite sprang, stand sie mit puterrotem Gesicht auf und verschwand eiligen Schrittes. In Mechthild breitete sich ein
warmes Gefühl aus. Am liebsten hätte die Gräfin ihrer Schwägerin für diese Ungeheuerlichkeiten eine schallende Ohrfeige verpasst, doch sie war unfähig, sich zu rühren. Für ihre Tat zollte sie Helena große Hochachtung, auch wenn es falsch
war, was diese getan hatte.

»Mechthild, das wird Folgen für deine Hofdame haben«,
ereiferte sich Ulrich, der insgeheim seine Geliebte für ihre Tat bewunderte. Nur konnte er das kaum zugeben. »Ludwig, das kannst du nicht dulden!«, wandte er sich an seinen Bruder.
»Helena wird eine angemessene Strafe erhalten«, antwortete Ludwig. Doch plötzlich breitete sich ein jungenhaftes Grinsen auf seinem Gesicht aus. »Vielleicht erhebe ich sie dafür in den Adelsstand. An deiner Stelle würde ich darüber nachdenken, wie du gedenkst, deine Angetraute für ihre Boshaftigkeiten zu bestrafen.«

Mechthild war nahe daran, in ungezügeltes Gelächter auszubrechen, als Ulrichs Kinnlade herunterklappte. Nun war es an Ulrich, die Dürnitz zu verlassen.

Die Gräfin fasste nach Ludwigs Hand und drückte sie sanft.

»Ich danke dir. Nur leider wird es jetzt noch schlimmer mit
Margarete und Ulrich werden.«
»Nein, denn ich werde Ulrichs Wunsch entsprechen und
einer Teilung des Landes zustimmen. So kann es nicht weitergehen.
Ich werde mit ihm nach Nürtingen reiten und alles in die Wege leiten, damit ein gerechter Vertrag aufgesetzt wird."